Auswertung & Reflexion

Die frühe Kindheit stark machen.

Das KiTa-Modellprojekt „Der Teilhabe-Rabe und die Schatzkiste frühkindlicher Demokratieerfahrung“ unterstützt die Fachkäftearbeit von Erzieherin*innen und KiTa-Leitungen, regt Reflexion gemeinsam mit Fachkräften an, arbeitet mit der KiTa-Fachberatung zusammen und mit KiTa-Evaluator*innen und gibt aus der teilnehmenden Beobachtung des KiTa-Alltags heraus, Empfehlungen zur Etablierung von partizipativen Ansätzen weiter.

Seit 2020 existiert dieses Modellprojekt. Gespeist aus Hospitation und teilnehmender Beobachtung im KiTa-Alltag in Mecklenburg Vorpommern gibt das Modellprojekt-Team Empfehlungen, wie Fachkräfte (Erzieher*innen / Leitungen) in der KiTa geeignete Wege finden können, junge Kinder (unter und über 3 Jahre) umfassendere Möglichkeiten zum Mithandeln und Mitentscheiden anzubieten.

Foto von Charles Parker von Pexels

Damit Kinder mehr mitentscheiden können, haben Fachkräfte / Erwachsene die Möglichkeit, erste Themen gemeinsam zu reflektieren: z.B. die frühe Kindheit, die aktuelle Forschung, die Neurobiologie, der Sinn von Bindungs- und Beziehungsarbeit, das Geben von Wertschätzung an Kinder, an sich und ans Team, den Zusammenhang von Macht & Entscheidungen, die Beobachtung und Wahrnehmung des Alltags, die Erwägung von Biographiearbeit, das Entfalten von eigenen und fremden Potentialen oder das Anschauen von Machtverhältnissen in wertfreier offener Weise.

Quelle: eigene Quelle; © www.teilhabe-rabe.de

Ganz im Sinne von André Stern: „Jeder Mensch kommt mit denselben Veranlagungen und Grundbedürfnissen zur Welt. Wir alle wünschen uns Liebe und Verbundenheit, Nahrung für alle Sinne und die Möglichkeit zur Entfaltung unserer Potenziale bei gleichzeitiger Autonomie. Wir alle bringen dafür optimale Fähigkeiten mit – Begeisterung und Offenheit für lebenslanges Spielen, Lernen und Entdecken.“

Kinder erleben in einer Kindertageseinrichtung das Zusammenspiel von unterschiedlichen Personen in einer Art kleinen demokratischen Gemeinschaft.

Kinder haben die Möglichkeit, im gemeinsamen Miteinander wichtige Erfahrungen und Kenntnisse in einer Gemeinschaft zu erproben. Durch Beteiligung, durch Mitentscheiden und durch Mithandeln. Fachkräfte begleiten und unterstützen die Kinder dabei.

Partizipation in der KiTa

Partizipation meint wirkliche Beteiligung. Eine Orientierung des Standes von „wirklicher“ Beteiligung oder den unterschiedlichen Abstufungen von Beteiligungsarten bietet in der Forschung u.a. die Fortentwicklung des folgenden Stufenmodells.

Quelle: Beteiligung und Beschwerde in Kindertageseinrichtungen, Fachliche Empfehlung zur Gestaltung und Sicherung der Verfahren zur Beteiligung und Beschwerde in Kindertageseinrichtungen nach § 8b Abs.2 Nr. 2 und §45 Abs.2 Satz2 Nr.3 SGB VIII, Beschlossen durch den Landesjugendhilfeausschuss am 12. September 2016, diese Publikation entstand im Rahmen der Tätigkeit der Arbeitsgruppe Kindertagesbetreuung des Landesjugendhilfeausschusses des Freistaats Thüringen September 2015 bis August 2016 (Siehe Stufenmodell)
 

In der KiTa bedeutet Beteiligung, dass die Kinder über Entscheidungsprozesse Bescheid wissen bzw. informiert werden, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Wichtiges Ziel wäre es, dass Kinder ihre Rechte kennen, eigene Wünsche und Bedürfnisse ausdrücken und sich innerhalb ihrer Gemeinschaft austauschen können. Dabei ist es sinnvoll, Kinder durch Fachkräfte/Erwachsene wertschätzend zu begleiten.

Was können Fachkräfte allgemein tun, um mehr Partizipation in der KiTa zu etablieren?

Wenn Fachkräfte einen Blick wagen, auf das eigene sowie das gegenwärtige Handeln im Alltag. Dazu kann eine reflexiver Blick auf eigene Haltungen sinnvoll sein. Wie sähe ein Blick u.a. auf die eigene Biographie aus, wenn wir diesen wertfrei wagen würden? Die Betonung auf „wertfrei“ soll darauf hinweisen, dass sich Fachkräfte/Erwachsene als Lernende und weniger als All-Wissende den Gedanken der Partizipation nähern.

Ein Vertreter der offenen KiTa-Arbeit beschreibt, worum es geht, wenn man den Blick auf die sehr jungen Kinder richtet. Dabei sehen wir den Ansatz der offenen KiTa-Arbeit im KiTa-Bereich als Ansatz, der sehr gut mit den Gedanken für erhöhte Partizipation korreliert.

„Mir wurde damals sukzessive klar, dass ein wesentlicher Teil meiner pädagogischen Arbeit darin bestünde, Beziehungsarbeit zu leisten und dass es für mich darum gehen musste, den Kindern ein kompetentes, d.h. ein belastbares, gelassenes und nervenstarkes Gegenüber zu sein. Es ging um gutes Zuhören, Wahrnehmen und Einfühlen, also um das Zulassen und Ernstnehmen von sozialen und kommunikativen Herausforderungen. Es ging darüber hinaus darum, einen sachgerechten Umgang mit den unterschiedlichen Stimmungen der Kinder zu zeigen, d.h. nach Möglichkeit einen konstruktiven Umgang, z.B. praktikable, sprachliche Formen für die Lösung von Konflikten anzubieten. Es ging darum, die Kinder mit ihren Fragen und Nöten anzunehmen, ihre unkontrollierten Impulse und heftigen Gefühlsambivalenzen, auch zum Teil als Ausdruck seelischer Nöte und Hilflosigkeit, zu erkennen und sie bei der Suche nach geeigneten, sozial akzeptierten Ausdrucksmitteln zu unterstützen. Dafür benötigte es professionelle Distanz, um nicht in zahlreiche Wiederholungen, Verstrickungen, untaugliche Muster und Reaktionen gegenüber den Kindern zu verfallen.“ (Hans-Joachim Rohnke)

eigene Quelle www.teilhabe-rabe.de

Was wir aus der modernen Forschung wissen

„Wenn individuelle Bildungswege ernst genommen werden und sich Erwachsene mit Kindern über deren Weltsicht verständigen, fördert dies den Selbstbildungsweg des einzelnen Kindes. Bildungsbegleitung wird unterstützt durch eine Grundhaltung der Partizipation, die dem Kind eigene Erfahrungen, eigene Lösungen und Lösungswege zumutet und auch zutraut. Damit das in der täglichen Praxis klappt, sind Strukturen und pädagogische Methoden in der KiTa erforderlich, die diese Prozesse unterstützen. Es geht darum, den Kindern verlässliche, klar definierte und einforderbare Rechte in bestimmten Bereichen einzuräumen, die unabhängig sind vom Erlauben oder Verbieten einer einzelnen Erzieherin oder deren Tagesform-Rechte, die mit den Kindern kommuniziert sind und die sie in verankerten Gremien wie z.B. einem Kinderparlament durchsetzen können. Die Beteiligung der Kinder an den Angelegenheiten, die sie im KiTa-Alltag betreffen, wird so zu einem Teil der Konzeption.“ (Schubert-Suffrian, Franziska, 2009)

Wie können Fachkräfte ein belastbares, gelassenes und nervenstarkes Gegenüber für Kinder sein?

Im bewussten Draufblick und der Bewusstheit darüber, das es prinzipiell so ist, dass Erwachsene in allen pädagogischen Settings zunächst über mehr Macht als Kinder verfügen. Und was wäre, wenn Fachkräfte das bewusst im Alltag in Frage stellen?

„Wie viel Macht pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen über die Kinder haben, wird deutlich, wenn man sich systematisch mit der Frage auseinandersetzt, welche Entscheidungen alltäglich in der Einrichtung getroffen werden, wie Entscheidungsprozesse hier stattfinden und wie Kinder in diese Entscheidungen einbezogen werden. Dabei kann es um alltägliche Dinge gehen, wie die Entscheidungen darüber, was das einzelne Kind anzieht und was, wie viel und wann es isst, um die gemeinsame Planung von Projekten und Aktivitäten… Wenn man Kinder an Entscheidungen beteiligt, ist dies immer mit einer (teilweisen) Abgabe von Macht an sie verbunden.“ (Knauer/Hansen, 2010)

Möglichkeiten der Darstellung

Quelle: eigene Quelle; © www.teilhabe-rabe.de

Laut Stufenmodell gehen Fachkräfte den Weg hin zu gelebter Partizipation im KiTa-Alltag über die Stufen der Beteiligung.

Eine Reflexion des Standes von gelebter, demokratischer Beteiligung aller in einer KiTa-Einrichtung kann ermöglichen, weitere gemeinsame Schritte Richtung Beteiligung hinsichtlich von Selbstbestimmung und Mitbestimmung von Kindern zu gehen. Das heißt, die Initiativen von Kindern werden von Erwachsenen unterstützt, begleitet und gefördert, Macht wird übertragen, Kinder bestimmen in ihren eigenen Angelegenheiten, ohne fragen oder bitten zu müssen. Mitbestimmung würde bedeuten, die Entscheidungen der Kinder werden mit allen Beteiligten demokratisch getroffen – basierend auf verlässlichen Strukturen ohne Willkür.